31.08.2011

Neue Perspektive für wenig beachtete Technologie: Trockenstabilatanlage für Larnaca

Das Trockenstabilatverfahren rührte einst die deutsche Abfallwirtschaft auf. Der Grüne Punkt fürchtete um seinen Markt und Umweltschützer sahen Emissionsprobleme. Hinzu kamen wirtschaftliche Turbulenzen um das Unternehmen Herhof. Doch die Idee scheint sich durchzusetzen. Nicht nur in Deutschland.

Die klassische Alternative Deponieren oder Verbrennen wurde mit Inbetriebnahme der Herhof-Trockenstabilatanlage in Asslar (Lahn-Dill-Kreis) im Jahre 1997 durch eine dazwischen angesiedelte Variante ergänzt: Biologische Trocknung mit mechanischer Abtrennung von Metallen (Eisen und Nichteisen), Glas (farbsortiert) zur Verwertung und (reaktionslosen) Inertstoffen zum Einsatz in der Bauwirtschaft bzw. zur Ablagerung. Der verbleibende (trockene) Rest mit einem Heizwertäquivalent von Braunkohle ergibt einen schadstoffentfrachteten Ersatzbrennstoff. Nach flächendeckender Getrennterfassung von Glas, Papier, Biomüll und Verpackungsabfällen war damit endgültig die Wende von der Abfallwirtschaft zu einer über die Getrennterfassung hinausreichenden Ressourcenwirtschaft vollzogen. Dem folgten weitere entsorgungspflichtige Körperschaften in  Deutschland mit Anlagen in Rennerod, Dresden, Trier, Osnabrück und Niederlehme bei Berlin, Belgien (Geel) sowie Italien (Venedig).

Dadurch wurde die bis dahin verfolgte offizielle Abfallwirtschaftsdoktrin der Ressourcenschonung durch Wiederverwendung und -verwertung getrennt erfasster Wertstoffe einerseits und klassischer Verbrennung des Restmülls (Beseitigung) andererseits nachhaltig um die Komponente Klimaschutz ergänzt. Zwar war über die TA-Siedlungsabfall mit dem Ablagerungsverbot unvorbehandelter Abfälle und dem Bemühen um verstärkte Energieauskopplung aus der klassischen Verbrennung versucht worden, die Klimaschutzproblematik stärker zu fokussieren. Das Trockenstabilatverfahren bewirkte demgegenüber einen Quantensprung, weil es aufgrund biologischer Trocknung neben verbesserter Wertstoffausschleusung  einen Ersatzbrennstoff (etwa 55% des Eingangsmaterials mit einem Heizwert gleich dem von Braunkohle) produziert. Dieses Material, das je nach input einen Biomassenanteil von gut 60 Prozent enthält, ist nach entsprechender Aufbereitung in Anpassung an den jeweiligen Einsatzzweck gezielt als Brennstoff einzusetzen; die CO2-Freisetzung wird im Zusammmenhang mit dem Emissonshandelsrecht nur mit dem fossil generierten Anteil veranschlagt.

Eine öffentliche Förderung hat das Trockenstabilatverfahren von keiner Stelle aus erfahren. Ganz im Unterschied zur mechanisch-biologischen Vorbehandlung des Restmülls mit dem Ziel der Deponierung, die nie die rechtlich vorgegebenen Ablagerungskriterien erreichte und später vielfach unter erneutem Einsatz von Fördermitteln den gestiegenen Anforderungen an den Klimaschutz angepasst werden mußte. Die Initiatoren des Trockenstabilatverfahrens  hatten sich offensichtlich die Sympathien aller maßgeblichen Kräfte durch die PR-Strategie verscherzt, die neue  Entsorgungstechnik sei geeignet, neben der klassischen Verbrennung  auch den gelben Sack bzw. die gelbe Tonne vom Markt zu verdrängen.

So fand die Duale System Deutschland GmbH (DSD) als mächtiger, auf der Getrennterfassung basierender Monopolist der Verpackungsverwertung in der Auseinandersetzung mit dem newcomer sehr schnell die Unterstützung der herkömmlichen Abfallwirtschaft wie auch der Politik. Laut einem nur im Ergebnis veröffentlichten Gutachten des Umweltbundesamtes war die Genehmigung der Pilotanlage rechtswidrig erteilt worden; das Ökoinstitut Darmstadt befürchtete in einer im Auftrag des DSD erarbeiteten Studie eine unverantwortbare Freisetzung von Umweltgiften. Die Kritik verstummte erst, nachdem in Asslar eine Anlage zu energetischen Verwertung in Betrieb genommen worden war und die Emissionswerte kontinuierlich ins Internet gestellt wurden.

Da half der Firma Herhof auch die Weiterentwicklung der Stabilisierung in Gestalt einer spezifischen Abluftverbrennung (LARA) unter Verwendung von Deponiegas nicht mehr, mit der die technischen Voraussetzungen für eine 30. BImschV gelegt wurden. Die Partnerschaft mit dem bis dahin mehrheitlich kommunal getragenen regionalen Energieversorger EAM wurde nach der Mehrheitsübernahme durch E.ON aufgekündigt. Der neue Vorstandsvorsitzende  entschied am ersten Tag seiner Amtszeit, aus der Finanzierung des Trockenstabilatverfahrens auszusteigen. Die Finanzierung und damit der Weiterbau der Projekte in Trier, Venedig und Osnabrück wurde gestoppt und der Firma Herhof drohte die Insolvenz. Der entsprechende Teil des Unternehmens wurde zunächst mit allen Patenten von einem irischen Konzern übernommen und von diesem an die griechische Helector AG weiterveräußert.

Danach wurde es zunächst still um das Verfahren. In Deutschland hatte es aufgrund der Vorgeschichte nur noch geringe Chancen. Die Trierer Anlage wurde mit einem minimalen Anspruch (Beschränkung auf die Herstellung eines Ersatzbrennstoffs durch Trocknung) in Betrieb genommen, die Anlage in Osnabrück  durch Helector gemäß der Ursprungsplanung errichtet und betrieben. Die Anlagen in Venedig und Geel schließlich wurden unter veränderter Trägerschaft zu einem guten Ende geführt.


Keine Absatzprobleme mehr

Der Absatz des Trocklenstabilats als Ersatzbrennstoff bereitet in Deutschland mittlerweile kein Problem mehr; der Preis pendelt zwischen 0 und 30 Euro pro Tonne. Die italienische Energiewirtschaft demgegenüber zahlte von Anfang an eine am Heizwert orientierte Vergütung. Das ifeu-Institut hat dem Trockenstabilatverfahren in einem von der Bundesregierung beauftragten Gutachten inzwischen allerhöchste Klimafreundlichkeit bescheinigt. Der oben erwähnte von der E.ON installierte Vorstandsvorsitzende wurde bald abberufen und die von ihm gegen seinen Vorgänger initiierte Schadensersatzklage über einen zweistelligen Millionenbetrag zurückgenommen. Die Klage war nicht mehr haltbar,  nachdem sich abzeichnete, dass nicht der Einstieg ins Trockenstabilatverfahren einen Schaden verursacht hatte, sondern der überstürzte Ausstieg.

In einem unter maßgeblicher Mitwirkung der rheinland-pfälzischen Landesregierung durchgeführten Großversuch in der Stabilatanlage Trier hat sich herausgestellt, dass sich mit Hilfe moderner Sortiertechnik im Anschluß an die Abfalltrocknung die in der Verpackungsverordnung festgelegten Quoten der Verwertung von Verpackungsabfällen erreichen lassen. Darüberhinaus würde bei einem Einsatz dieser Sortiertechnik zusätztlich ein beträchtlicher Rückgewinnungseffekt hinsichtlich der stoffgleichen Nichtverpackungen ermöglicht. Bei einer Beschränkung der mechanischen Trennung auf den um die Verpackungsabfälle beraubten Müll macht dies indes vor dem Hintergrund der durch das Überangebot von Verbrennungsöfen bedingten Kostenstrukturen klassischer Verbrennung rein betriebswirtschaftlich gesehen keinen Sinn. Der Anlagenbetreiber hat daher die versuchsweise installierte moderne Trenntechnik wieder demontieren lassen.


Verwertbares im Restmüll

Wenn die deutsche Politik es nicht bei dem bloßen Postulat verstärkter Orientierung der Abfallentsorgung in Richtung Materialwirtschaft belassen will, genügt es nicht, über die Wertstofftonne die stoffgleichen Nichtverpackungen in die Getrennterfassung aufzunehmen. Sie muß das von der Zugspitze bis zur Hallig geltende Gebot strikter flächendeckender Getrennterfassung zugunsten des Trockenstabilatverfahrens sukzessive öffnen. Sie könnte das zunächst einmal auf die dünn besiedelten Gebiete beschränken, in denen die Parallerfassung von Restmüll und Verpackungsabfällen mit relativ geringen Effekten einen besonders hohen ökologischen und ökonomischen  Logistikaufwand erfordert. Mit der Wertstofftonne alleine würde man ebenso wie bei der Verpackungseinsammlung einen nicht geringen Anteil verwertbarer Materialien im Restmüll wieder finden.

In einem Umfeld ohne institutionalisierte Getrennterfassung  hat das Trockenstabilatverfahren offensichtlich eine Zukunft. Die Helector  AG hat in Larnaca (Zypern) eine Anlage mit nachgeschalteter moderner deutscher Sortiertechnik in Betrieb genommmen. Sie verfügt über zwei Linien und ist auf eine Jahreskapazität von 140.000 Jahrestonnen ausgelegt. Dort werden aus dem per Einheitstonne eingesammelten Hausmüll bis zu 13 Fraktionen mechanisch aussortiert. Das Land ist mit Hilfe von EU-Fördermitteln aus der abfallwirtschaftlichen Steinzeit ins Hightech gesprungen. Erfassungsdefizite der Getrennterfassung sind dort kein Thema. Weitere Anlagen sollen laut Regierungsangaben folgen.
RA Dr. Karl Ihmels, Wetzlar/boe


Quelle: ENTSORGA-Magazin, Ausgabe 0506_2011, S.17-19